Ein super Wahlsonntag

Ingmar Jeßulat

Die AfD ist nach den (jetzt schon) gestrigen Landtagwahlen in Rheinland-Pfalz, Baden- Württemberg und Sachsen-Anhalt  in drei Bundesländern zweistellig vertreten. Und die SPD ist (mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz) der große Verlierer, und (mit Ausnahme von Baden-Württemberg) die Grünen, und (mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt) die CDU.

Ich bin ein mitte-links-grüner Durchschnittsbürger. Ich habe gar nicht richtig zur Kenntnis genommen, dass an diesem Sonntag in drei Bundesländern gewählt wird. Super-Wahl-Wochentage kenne ich eigentlich nur von US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Denn ich weiß, ich wähle mein Berliner Abgeordnetenhaus und den Bundestag und habe damit meiner staatsbürgerlichen Pflicht genügt; mehr wird ja auch von mir nicht erwartet.

Freunde fragten, ob wir nicht am Sonntag gemeinsam die Landtagswahlen schauen wollen? Eine schöne Idee! Wir bauen den Beamer auf, es gibt Würstchen mit Kartoffelsalat. „Wie damals bei Helmut Schmidt!“, wie meine Mutter, die bei der Abwahl von Helmut Schmidt geweint hat, betont. Weinbrand zur Erinnerung  an Willy Brandt gibt es dagegen nicht, denn es wird aus parteinahen Kreisen versichert, dass Brandt meist Wodka getrunken hat. Es ist ein bisschen wie gemeinsam Fußball schauen.

Ein Kommentar von I. Jeßulat

Um 18.00 Uhr – die erste Wurst ist gegessen, mit dem ersten Bier angestoßen – die erste Prognose in der ARD: Großes Hurra für Malu Dreyer! Leider aber auch rund 12 Prozent für die AfD – naja! Aber die SPD hat sich behauptet. 12 Prozent am rechten Rand sind da noch vertretbar vor dem Beamer in einem gutbürgerlich-sozialtraditionellem Haushalt in Berlin.

Dann Baden-Württemberg. Grüne erwartungsgemäß-erhofft („der Kretschmann macht das wirklich sehr gut!“) weit vorn … aber die SPD um die 12 Prozent: Au weia! – und die AfD (zu dem Zeitpunkt noch) bei etwa 14 %.  Der sozialdemokratische Bürgerhaushalt in Berlin, dass dem Grünen die Ministerpräsidentschaft gönnt, ist etwas verschnupft, dass die gute Regierungsmitarbeit sich nicht in eigenen Stimmen auszahlt. Und schon wieder diese AfD – aber… verschmerzbar.

Sachen-Anhalt: CDU vorne… SPD (damals noch) 12 % … eine Katastrophe. Das Helmut-Schmidt-Würstchen schmeckt nicht mehr. Die Stimmung ist eher nach Willy-Brandt-Schnaps …  AfD über 20%!

Der Tatort könnte beruhigen. Aber wenn man schon zum „Super-Wahl-Sonntag“ einlädt, will man auch Wahlen sehen. Es wird also nach der ARD tapfer aufs ZDF, und nachdem die auch abschalten, auf die Regionalsender geschaltet. Schade, das Wahlergebnis ändert sich nicht wesentlich. In Sachsen-Anhalt (und ein ganz kleines bisschen in Rheinland-Pfalz) wird noch kurz gehofft, dass sowohl FDP als auch die Grünen rausfliegen. Aber auch daraus wird nichts. Die AfD macht sich breit und die sog. etablierten Parteien werden Schwierigkeiten bekommen Regierungen zu bilden. Bilder von den Parteifeiern. Ende. Die Gäste gehen.

Was macht nun der mitte-links-grüne Durchschnittsbürger? Also ich habe mit noch ein Bier aus dem Kühlschrank geholt und die Familienfotos sortiert. Seitdem Fotos digital sind, speichert man sie überall und doppelt ab. Das wollte ich schon längst mal ändern. Also habe ich alle Fotos auf eine Festplatte gespeichert und sortiere sie jetzt nach Jahrgängen. Es ist unglaublich, wie viel man doppelt speichert.

Moment mal? Ich kümmere mich um die alten Fotos? Ich konserviere die Vergangenheit meiner Familie?  Es drängt sich mir auf, dass Sigmar Gabriel im Willy-Brandt-Haus über den Fotos seiner Partei sitzt: „Schaut mal: Hier ist ein Foto von Kurt Schumacher, kennt ihr den noch! Und hier Willy Brandt, bei seinem Kniefall! Und hier ist Helmut Schmidt beim Hochwasser, toller Mann! Ach schaut, der Gerhard Schröder, wie er am Zaun des Bundeskanzleramts rüttelt! Was war’n wir mal für ein toller Haufen!“

So bin ich also auch! Ich denke einfach nicht an das Wahlergebnis. Ich beschäftige mich stattdessen  mit etwas anderem, angenehmeren – Biedermann und die Brandstifter? Und das machen alle etablierten Parteien wohl auch!

Die CDU verkündet überall ihren Wahlerfolg: Frau Klöckner stellt sich in Rehinland-Pfalz ernsthaft hin und erklärt, eines ihrer Wahlziele, nämlich die Abwahl von Rot-Grün, sei erreicht (fährt aber das schlechteste Ergebnis ihrer Partei ever ein und wird vermutlich schnellstmöglich versuchen, sich in die Bundespolitik abzusetzen); Herr Haselhoff (oder wie der heißt) spricht in Sachsen-Anhalt ernsthaft von einem klaren Wählerauftrag an ihn und der kleine CDU-Mann aus Baden-Württemberg („Der kleine Wolf möchte gerne vom Mikrofon abgeholt werden“) meint sogar mit Hilfe einer unsagbaren „Deutschland“-Koalition (ein aussichtsreicher Kandidat für das Unwort des Jahres) noch Ministerpräsident werden zu können.

Die einzige SPD-Politikerin, die sich freuen durfte, war sicher Malu Dreyer – und das hat sie auch auf eine sehr sympathische Weise getan. Was ich so noch nie gesehen habe, hat sie sogar ihren ehemaligen Koalitionspartner – die Grünen – besucht und ihnen Mut zugesprochen (entweder große Geste oder knallhartes Machtkalkül – darf ich bitte ersteres glauben!). Alle anderen Landespolitiker/innen der SPD haben auch tapfer die Niederlage gefühlt und eine hat richtigerweise auch mal „Scheiße“ gesagt. Aber Bundes-Sigmar macht eine ernste Miene, freut sich über Malu und hat kein ernsthaftes Wort (ich verlange am Wahlabend ja noch nicht einmal eine Antwort) für Baden-Württemberg, geschweige den Sachsen-Anhalt.

Klar! Die Grünen müssen und dürfen sich in Baden-Württemberg freuen! Herzlichen Glückwunsch. Herr Kretschmann! Sie und Ihre Partei sind im Parteiensystem der Bundesrepublik angekommen! Und Ihnen ist in wenigen Jahren mehr gelungen als die FDP seit 1949 geschafft hat! Echt! Herzlichen Glückwunsch! Aber diese fulminante Sieg lenkt dann doch sehr von den anderen Bundesländern ab. Üble Verluste, die an die Anfangstage der alternativen Liste erinnern. Wo ist eure Wählerbasis geblieben?

Ja, an sowas denke ich beim Fotos sortieren. Und ich sehe immer wieder meinen fast zwölf-jährigen Sohn, der mich am Wahlabend fragte: „Papa, wenn die AfD gewinnt, werden dann alle Flüchtlinge erschossen?“ (und nein, das habe ich mir nicht für diesen Artikel ausgedacht!). Ich habe das abgetan, weil mitzuspielen ja noch nicht bedeutet, zu bestimmen. Aber irgendwas hinten in meinem Kopf nagt: „haben das die etablierten Parteien in der Weimarer Republik nicht auch gedacht?“.

Wen von der AfD habe ich eigentlich wahrgenommen? Frau Petry und Frau von Storch mit – gelinde gesagt – befremdlichen Aussagen zur Grenzpolitik Deutschlands. Ich habe auch schon Herrn Gauland im Fernsehen gesehen, der sich professoral über den Dingen schwebend darstellt und Lucke ist ja wohl raus. Ich kenne also wenig Politprominenz der AfD und will auch gar nicht behaupten, dass alle ihre Wähler radikal sind, vielleicht sind viel ja wirklich nur rechts (und das, liebe linke Aktivisten, ist definitiv in Ordnung, auch wenn es nicht eure Meinung ist!).

Aber ich habe Demonstrationen mit blödsinnigen ausländerfeindlichen, rassistischen Parolen (irgendwelche -gidas) gesehen und ich sehe Brandanschläge und aufgehetzte Meuten, die eingeschüchterte Flüchtlinge am Aussteigen aus einem Bus hindern. Und irgendwo da oder daneben, wenn auch nicht unbedingt mittendrin, sind Sympathisanten der AfD. Selbst wenn die Funktionäre der AfD selbst also nicht den Boden der Verfassung verlassen hätten, zumindest einzelne Wiedergänger haben es getan. Und mein Eindruck von diesem Wahlabend ist, dass die Partei AfD gut auf dieser Welle schwimmt.

Vielleicht wird die AfD als sog. „Protestpartei“ bald wieder verschwinden, vielleicht wird sie sich etablieren und so eine Art „Bundes-CSU“ werden, aber vielleicht wird sie sich auch ernsthaft als verfassungsfeindlich erweisen.

Ich gehöre zur der Generation deren Großeltern Hitler vielleicht nicht gewählt, aber zumindest geduldet haben. Wahrscheinlich haben sie gerade ihre Familienfotos sortiert! Den Fehler will ich nicht auch machen! „Wehret den Anfängen!“ ist nicht immer die schlechteste Devise.

 

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