Das Beste an Trump ist…

Bernd Sommer

Das Beste an Trump ist, dass er Clinton verhindert hat. Ich denke, dieser Satz resümiert gut das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in den USA.

Wenn man sich die Diskussion über die Wahl des Populisten Trump (insbesondere in den deutschen Medien) zu Gemüte führt, könnte man den Eindruck gewinnen, die Welt – so wie wir sie kennen – geht unter. Alle Errungenschaften der letzten 80 Jahre scheinen dort auf dem Prüfstand zu stehen und es scheint sich anzudeuten, dass das Wahlergebnis in den Vereinigten Staaten von Amerika alle Werte in der westlichen Welt (und damit auch bei uns) hinwegfegen wird. Lähmendes Entsetzen allenthalben – ein Präsident Donald Trump wird als der Untergang alles Gewohnten und aller Hoffnungen empfunden.

Ein Zwischnruf von B. Sommer

Massenproteste in einigen Großstädten der USA ebenso wie hier bei uns suggerieren eine durch das Wahlergebnis gespaltene Gesellschaft. „Trump is not my President“. Aber stimmt denn dieses Bild?

Sind der obszöne, Minderheiten verachtenden und Frauen beleidigenden Wahlkampf Trumps einerseits und das kühle, seriös wirkend sollende, Wallstreet-orientierte Gegenhalten Clintons Ausdruck einer plötzlich auftretenden Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft?

Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die Medien und das zeigt Wirkung. Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses werfen Jugendliche und ihre Eltern die Frage auf, ob für Sprach- und Austauschreisen noch mit den USA geplant werden könne – und das, obgleich die Vereinigten Staaten dabei seit vielen Jahren die absolute Nummer 1 unter den Wunschzielen waren. Als brächte die Wahl Trumps nun alles Schlechte der USA zu Tage.

Wer allerdings schon mal die Gelegenheit hatte, etwas von den USA (und nicht nur den Strand von Florida bzw. die Sonne Kaliforniens) zu erleben, der weiß, dass die US-amerikanische Gesellschaft schon sehr lange auf einen solchen Zustand hinsteuerte. In vielen Ortschaften und in beinahe allen Bundesstaaten konnte ein aufmerksamer Beobachter selbst auf der Durchreise die desolaten Bedingungen erkennen, unter denen nicht wenige Menschen zu leben hatten und dabei völlig auf sich allein gestellt waren. Neben feinsten Boutiquen und Luxus-Geschäften fanden sich Frauen und Männer, die sich und ihre Arbeitskraft anboten. „Work for Food“ Der amerikanische Traum von Freiheit hatte eine absurde Realität erfahren. Es hatte den Anschein, als gehörte für einen nicht geringen Anteil der Menschen dort auch die Freiheit dazu, verhungern zu dürfen.

Wer durch die USA reisen wollte und in der Vorbereitung auf einen wohlwollenden Reiseplaner traf, musste auf eine Warnung wie folgt vorbereitet sein:

„Denken Sie bei der Wahl Ihrer Unterwäsche bitte daran, möglichst etwas Edles zu tragen, denn sollte Ihnen irgend etwas unvorhergesehenes passieren und sie in ein Krankenhaus gebracht werden müssen, könnte es sein, dass die Sanitäter im Krankenwagen zunächst ihre Bonität überprüfen, in dem sie aus ihrer Unterwäsche auf ihre Zahlungsfähigkeit schließen. Im Extremfall könnte dies dazu führen, dass Sie nicht mitgenommen werden.“

Für uns eigentlich unvorstellbar, entsetzlich und inhuman! Aber für US-Amerikaner? Erinnern wir uns nur einmal daran, welche Widerstände und Schwierigkeiten der 44. Präsident der USA zu überwinden hatte, um eine Pflichtversicherung für alle durchzusetzen. Es wurde – natürlich von denen, die es sich leisten können – als staatliche Bevormundung denunziert und dabei völlig übersehen, dass sehr viele Menschen ansonsten ohne jeden Anspruch auf medizinische Versorgung und Hilfe blieben.

Nein, nicht dieser Wahlkampf hat eine Spaltung der amerikanischen Gesellschaft verursacht – das Land war schon vorher zutiefst zerrissen: dort eine verschwindend kleine Minderheit, die den maximalen Reichtum des Landes unter sich aufgeteilt hat und auf der anderen Seite die überwältigende Mehrheit: Menschen, die gerade oder nicht einmal genug zum Überleben hat.

Wahrscheinlich war es für uns einfach nur bequem, solche Verhältnisse zu ignorieren, obgleich sie deutlich erkennbar waren und – schlimmer noch – sich auch bei uns ähnliche Entwicklungen zeigen. Auch hier nimmt die Konzentration des Reichtums in den Händen (bzw. auf den steuergeschützten Konten) einiger Weniger zu. Die über Jahrzehnte überwiegend mittelstandsgeprägte und äußerst erfolgreiche soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung steht unter zunehmendem Druck.

Wie in den USA in den Jahren zuvor, ist auch bei uns die Politik untätig (oder unfähig) , den sich deutlich abzeichnenden Abwärtstrend zu stoppen, ja sie scheint (wissentlich oder willentlich) nicht einmal in der Lage, den immer schneller werdenden Strudel zu verlangsamen. Das aber kann – nein, das muss man von Politik erwarten können. Es kann nicht hinreichen, im Nachhinein immer wieder festzustellen, wie schlimm die Verhältnisse sind – insbesondere, wenn die Entwicklung doch (bereits seit Jahren) so offensichtlich ist. Das Beispiel der USA sollte Warnung genug sein. Und das gilt insbesondere vor dem Hintergrund des letzten Wahlkampfes. Wäre es anders ausgegangen, würde dies nichts ändern. Dann allerdings müsste der Eingangssatz lauten:

Das Beste an Clinton ist, dass sie Trump verhindert hat.  

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