Ex-US-Botschafter sucht Präsidenten…

Ingmar Jeßulat John Kornblum wurde vom Tagesspiegel interviewt, der das am 13. November 2016 im Internet und auf Facebook gepostet hat. Das zunächst bieder daher kommende Interview mit dem ehemaligen US-Botschafter in Deutschland entpuppt sich letztlich als ein derart seltsames  Bündel kruder, populistischer Meinungen, das man denken könnte, John Kornblum wolle sich damit um einen Job bei Donald Trump bewerben.

Ein Zwischenruf von I. Jessulat

Der Tagesspiegel stellt ausdrücklich voran, dass es sich beim „überzeugten Transatlantiker“ John Kornblum um den ehemaligen US-Botschafter in Deutschland handele, der – das wird zusätzlich am Ende des Interviews herausgestellt – deutsche Wurzeln habe, denn seine Großeltern seien 1882 aus Ostpreußen nach Amerika ausgewandert.
Ich verstehe das so, dass den Leserinnen und Lesern auf den Weg gegeben werden soll, bei John Kornblum handele es sich um einen versierten Kenner der transatlantischen Verbindungen, der sich nun fundiert über das künftige Verhältnis zwischen den USA und Europa äußern werde.
So liest sich der Anfang mit einer Reminiszenz auf den Beginn der ersten Amtszeit von Ronald Reagan noch vergleichsweise „locker weg“ – erst bei wiederholtem Lesen regt sich sowas wie Zweifel, der sich aber ähnlich seltsam wie ein glatter Aal verhält und einem ständig durch die Finger glitscht.

Donald, der Deutsche?
Aber John Kornblums Antwort auf die Frage, wer Trump eigentlich sei, ist dann doch zu absonderlich, um sie einfach zu überlesen:

„Zunächst einmal ist er [Trump, Anm. d. V.] ein Amerikaner mit deutschen Wurzeln, aus Kallstadt an der Weinstraße. Die meisten Deutsch-Amerikaner sind konservativ, sehr hemdsärmelig, die meisten sind auch sehr erfolgreich. Es gibt unter Amerikanern mit deutschen Wurzeln kaum Sozialdemokraten. Trump ist in vielerlei Hinsicht typisch deutsch-amerikanisch. Seine Familie kam nach Amerika ohne Geld – und ist inzwischen sehr reich. Und das soll kein Witz sein: Trump glaubt an den amerikanischen Traum, daran, dass jeder etwas aus sich machen kann.“

Hat also der Umstand, dass Trumps Großeltern aus der Pfalz nach Amerika ausgewandert sind, wirklich so großen Einfluss auf Trumps Persönlichkeitsstruktur, dass er 2016 ausdrücklich für seine Charakterisierung herangezogen werden muss?

Hieße das nicht in Konsequenz Folgendes: Barack Obama ist ein Abkömmling der O’Bamas aus Moneygall in Irland, hat also irische Wurzeln; außerdem stammt sein Vater aus Kenia und gehörte der Ethnie der Luo an (so Wikipedia). Obamas Charakter ist also irisch-kenianisch geprägt. Erklärt das was?

Aber halt, es geht ja bei der Aussage von John Kornblum in Wirklichkeit gar nicht um Trumps Großeltern selbst; es geht ja sogar um die ganze „Ethnie“ der Deutsch-Amerikaner, die „konservativ“, „hemdsärmlich“ und „meist erfolgreich“ sind. Ja, ja! Diese Deutsch-Amerikaner – das kennt man, da muss man wirklich nicht mehr viel zu sagen – hemdsärmelig zwar, aber doch ganz oft erfolgreich! Einige meiner besten Freunde sind Deutsch-Amerikaner!

Mein erster Gedanke war: „Müssen die Deutschen jetzt wirklich auch noch an Trump Schuld sein?“

Entschuldigung, aber da muss ich schon beim Schreiben lachen …

… und den muss ich auch noch loswerden:

Im Wikipedia-Artikel über Donald Trump steht, dass Trump inzwischen behaupte, einen schwedischen Vater zu haben… Klar, das ist ja wie eine Selbstbeschreibung: Blond… mit Horn!

– die typischen „Wikinger-Gene“ und so 🙂

Aber genug von den donaldesken Eskapaden John Kornblums zum deutsch-amerikanischen Charakter von Donald Trump (…spielt es eigentlich eine Rolle, dass er auch schottische Vorfahren hat? – Entschuldigt, Leute! Ich habe gerade sooo viel Spaß beim Schreiben! Wenn man diesen Ethnie-Ansatz erst mal so richtig durchzieht, kann man gar nicht mehr aufhören… )

Ich bin aber wirklich etwas verwundert, dass die Gesprächspartner des Tagesspiegels so gar nicht nachgehakt haben. Ich will echt nicht glauben, dass Juliane Schäuble und Malte Lehming („nomen est omen“?), ausgebildete, investigative Journalisten der Hauptstadtpresse, ein derartiges, rassistisches Stereotyp ohne Nachfrage hingenommen haben.


„Die Frage ist nicht, ob die USA führen“…! – eine fiktive Kollage
Irgendwie hat der Tagesspiegel auch im weiteren Verlauf vergessen, nachzufragen. Ich habe das ‚mal „fiktiv“ korrigiert – eine Kollage aus Interviewschnipseln:

T(agesspiegel): „Wird Amerika unter Trump die freie Welt weiter [sic!] anführen?“

K(ornblum): „Aber natürlich, und das muss er auch. Die Frage ist nicht, ob die USA führen, die Frage ist, wie.“

I(ch): Und es scheint für Sie kein sensationelles Statement zu sein. Für mich schon. Warum?“

K: „Allmählich sollten Europäer überlegen, wie man einerseits Einfluss ausüben und andererseits für Amerika interessant bleiben könnte.“

I: Warum sollte Europa – genauer die EU – für die USA interessant bleiben müssen. Ich dachte sie stehen für eine transatlantische Partnerschaft und nicht für europäische Vasallentreue?

K: „Europa glaubt immer noch: Die Vereinigten Staaten schulden uns ihre Unterstützung, da wir im Zweiten Weltkrieg gelitten haben, und wir werden wieder zu schlechten Menschen, wenn sie uns nicht dabei helfen, die EU zu vertiefen. Aber ich kann Ihnen sagen: Das Argument zieht in Amerika nicht mehr. Auch im Team von Clinton sagten mir viele: Warum kommst du immer zu uns und sagst, dass wir uns in Europa mehr engagieren müssen? Die Europäer sind reicher als wir, sie sollten in der Lage sein, sich um sich selbst zu kümmern.“

I: Der Reihe nach und um im Bild zu bleiben: Für den zweiten Weltkrieg war doch wohl im Wesentlichen Deutschland verantwortlich, weshalb auch die meisten anderen europäischen Staaten Opfer dieses Krieges gewesen sein müssen. Warum werden denn ohne Amerikas Schutz auch die anderen Europäer zu schlechten Menschen?
Mir war gar nicht klar, dass sich die USA in Europa engagieren müssen? Ich dachte, dass weite Teile demokratisch sind und – nicht nur als EU – in einer gleichberechtigten Partnerschaft mit den USA stünden. Da habe ich wohl was falsch verstanden – hab ich doch geglaubt, dass wir auch Teil dieser „freien Welt“ wären. Wie man sich doch täuschen kann.

(K würde vielleicht nicht antworten)

I: Und zuletzt sagt also selbst dieses abgefeimte US-amerikanische Demokraten-Pack, dass die EU-Bürger eh reicher als die USA sind? OMG! Müssten sich die USA dann nicht für die EU interessieren?

(K würde vielleicht nicht antworten)

I: Hatte ich doch inzwischen tatsächlich oft den Eindruck, dass die USA vieles tun, um eine europäische Einigung zu torpedieren, wenn es den USA nicht nützt

… und ich will das TTIP-Faß jetzt gar nicht aufmachen,

…und ich frage auch gar nicht, wie es sein kann, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten für Clinton gestimmt hat und dennoch der andere gewählt wurde.

K: „Ich schäme mich nicht wegen der Wahl, es war eine freie, demokratische Wahl.“

I: Unser deutsches Wahlsystem – das die USA durch die sog. Frankfurter Dokumente wesentlich beeinflusst haben – sieht u.a.  die „direkte“ Wahl der Volksvertreter (ohne Zwischenschaltung von Wahlleuten) vor. Ist das US-amerikanische Wahlkollegium denn dann noch zeitgemäß?

K: „Ich schäme mich nicht wegen der Wahl, es war eine freie, demokratische Wahl.“

I: …?

K: „Wir Amerikaner haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir die Fahne des Westens vor uns hertragen, nur um dann immer wieder heftig kritisiert zu werden, weil wir zu viel oder zu wenig tun, zu stark oder zu schwach sind.“

I: Also sollen wir den USA einfach vertrauen, das sie es schon richtig machen? Als die USA zuletzt derartige Töne angeschlagen haben, hat der Deutsche Bundestag meines Wissens die Gefolgschaft verweigert. Und, huch: Da waren ja wirklich keine Massenvernichtungswaffen im Irak! – (ist auch stark verkürzt – aber das ist jetzt nicht das Thema)

K: „Aber das Gefühl in Amerika ist seit vielen Jahren immer dasselbe: Wenn wir eine strategische Vision brauchten, waren wir es, die sie entwickeln mussten. Nur um dann von den Europäern alleine gelassen zu werden. Der Nahe Osten ist dafür vielleicht das Beste, nein, das schlimmste Beispiel.“

I: Dieses Beispiel völliger Selbstüberschätzung muss von mir nicht mehr kommentiert werden. Danke für das Gespräch.


Der Fürst
„Er scheint gar keine politischen Überzeugungen zu haben“, stellt Mr. Kornblum auf die Frage, ob Trump denn ein richtiger Republikaner sei, unverblümt fest.

Ja, aber das gilt dann wohl nicht nur Trump! Das ist, wenn ich Mr. Kornblums Sicht richtig begreife, dann auch das ureigene Selbstverständnis der USA! Nur was für die USA gut ist, ist richtig, und dann hat es die restliche Welt im Allgemeinen – und Europa im Besonderen – gefälligst zu unterstützen.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Herr Kornblum sich vermutlich um einen Job im Weißen Haus bewirbt – das natürlich ganz transatlantisch…

… und ich hoffe, dass die direkte Mehrheit der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner seine Sicht nicht teilt

…und ich hätte mir einen deutlich kritischeren Tagesspiegel gewünscht.

 

in einer früheren Version wurde behauptet, Trumps Großeltern kämen aus Ostpreußen. Das war leider ein Fehler, weil der Autor nicht lesen kann – das waren nämlich die Großeltern von John Kornblum. Schade – die darauf fußenden Ausführungen zu der demokratiefernen „Ethnie“ der Russen und Balten waren echt lustig…

Ein Gedanke zu „Ex-US-Botschafter sucht Präsidenten…

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