Von Helden, Schurken und dem kategorischen Imperativ

Ingmar Jeßulat

Von Personen aus Politik und Wirtschaft erwarten wir Integrität. Sowohl im Geschäftlichen als auch im Privaten müssen sie über jeden Zweifel erhaben sein. Gleichzeitig fasziniert uns wenig mehr, als eine solche Person stürzen zu sehen. Wir holen die (vermeintlichen) Helden auf unsere Ebene der durchschnittlichen Menschen zurück.

Eine Hobby-philosophische Betrachtung von I. Jeßulat.


 

Der öffentliche Mensch

Sobald jemand ein öffentliches Amt übernimmt oder Verantwortungsträger ist oder (manchmal nur vermeintlich) über Geld und Macht verfügt, kann sein gesamtes Leben in die Öffentlichkeit getragen werden. (Ich darf hier den Boulevard mal ausklammern, da dort teilweise wohl andere Regeln gelten – beim Rockstar und beim Model mögen das berühmte zertrümmerte Hotelzimmer und die Faust im Gesicht der Widersacherin zum erwarteten Erscheinungsbild gehören.) Finden wir Gefallen an ihnen, sind sie unsere Helden. Sei es, dass uns ihre Taten und/oder Worte gefallen, sei es, dass wir ihren Geschäftssinn oder ihr Machtbewusstsein bewundern, sei es dass wir sie schlicht sympathisch finden. Was passiert aber, wenn sie unsere Erwartungen enttäuschen? Was halten wir von einem Bundespräsidenten, wenn behauptet wird, er habe erstaunlich günstige Konditionen für einen Kredit bekommen? Wie stehen wir zu einem Staatssekretär, der eine Steuerstraftat begangen (und die Strafe verbüßt) hat? Was kann man von einem Unternehmer halten, der versprochen hat, eine Kaufhauskette zu sanieren und nun vermeintlich die Filetstücke versilbert?

Der kategorische Imperativ

Bild von Immanuel KantAnfänglich haben wir vielleicht sogar noch ein wenig Verständnis, tun es als Kleinigkeit ab, bis sich die Vorwürfe häufen. Dann sind wir enttäuscht, innerlich beleidigt und im äußersten Fall wenden wir uns von dem ehemaligen Helden ab: Er fällt. Denn was wir von unseren Helden erwarten, ist Makellosigkeit. Sie müssen – im Rahmen der ihnen zugedachten Rolle – über jeden Zweifel erhaben sein, sich immer richtig verhalten und das Sinnbild des ewig Guten und Gerechten sein. Es wird dann zitiert:

Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

(Kant, Immanuel; Kritik der praktischen Vernunft; 1. Auflage, Frankfurt/Main 1995; S. 140)

Geht es um Vernunft und Moral, wird Kants berühmter kategorischer Imperativ gerne zitiert, und es ist erstaunlich, wie viele Menschen den Satz im Wesentlichen zutreffend wiedergeben können. Ich frage mich allerdings, ob ihn genauso viele Menschen auch wirklich begreifen?
Ich befürchte, ich gehöre auch nicht dazu. In meinem beschränkten Verständnis reduziert sich der Inhalt dieses Satzes darauf, dass ich unabhängig von Zielsetzung und Beweggrund meines Handelns, vorher prüfen muss, ob mein Vorhaben in sich widerspruchsfrei ist. Die konsequente Anwendung des kategorischen Imperativs bewirkt also nicht zwingend, dass mein Handeln gut ist, sondern nur, dass es in jedem anzuwendenden Fall sich nicht selbst widerspricht. Unter dem Stichwort: Kategorischer Imperativ listet Wikipedia (abgerufen am 12.02.2014) das Beispiel eines Diebes, der stiehlt um eigenes Eigentum zu erwerben. Die Maxime wäre also: „Ich stehle, um Eigentum zu erwerben“. D.h. wiederum, dass die Maxime zum Erwerb eigenen Eigentums gleichzeitig das Eigentumsrecht des Bestohlenen verneint, was schlicht inkonsequent ist. Die Maxime taugt also nicht für ein allgemeines Gesetz und ist unter den Bedingungen des kategorischen Imperativs durchgefallen.

Was wäre denn nun aber, wenn man die zu betrachtenden Personengruppen eingrenzte. Ich stelle mir eine Organisation vor, die ihren Bestand und das Wohlergehen ihrer eigenen Mitglieder zur Grundbedingung ihres Seins gemacht hat (anders formuliert: alle die nicht zu uns gehören, sind nicht Teil der Gemeinschaft und damit nach unserem Verständnis bedeutungslos). Dort hieße es doch dann: „Ich als Mitglied meiner Gemeinschaft stehle von all denen, die nicht Mitglied sind oder nicht unter unserem Schutz stehen, um Eigentum zu erwerben.“ Die unausgesprochene Einschränkung ist hier, dass Menschen außerhalb der Gemeinschaft keinen Anspruch auf Schutz ihres Eigentums hätten. Würde hier nicht der kategorische Imperativ versagen oder besser gesagt, auch funktionieren? (Sie sehen hier aber auch wie wichtig der Blickwinkel ist: Betrachte ich alle Menschen als Teil der Gemeinschaft, dann ist mein Beispiel nicht vom kategorischen Imperativ gedeckt. Verändere ich dagegen die Grundbedingungen, kann ich zu ganz anderen Ergebnissen kommen!)

Worauf ich hinaus will ist, dass der kategorische Imperativ m.E. nicht geeignet ist, um zwischen gut und böse zu unterscheiden (ich glaube auch nicht, dass das Kants Behauptung war. Der kategorische Imperativ ist in seiner Lehre doch wohl „nur“ ein Baustein zu einer umfassenden Sittenlehre.)

Was meines Erachtens in unserer Verwendung des kategorischen Imperativs zu noch größeren Schwierigkeiten führt, ist jedoch, dass wir von Politikern, Richtern, Wirtschaftsbossen etc. erwarten, dass ihr gesamtes Handeln nicht etwa dem Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung entspricht, sondern dass sie sich jederzeit moralisch gut verhalten. Sie sind eben Helden. unerreicht, schimmernd und immer auf der guten, der richtigen Seite (und das nicht nur heute, sondern auch in der Vergangenheit und natürlich zukünftig).

Ethik und Moral

Der moralische Mensch handelt danachIch hatte früher ein zweibändiges Lexikon. Schaute man unter Moral, dann stand dort in etwa, dass Moral die Summe der ethischen Regeln einer Gesellschaft sei. Guckte man dann unter Ethik, fand man sinngemäß, dass Ethik die Summe der moralischen Regeln einer Gesellschaft sei. Ich habe oft erlebt, dass sich Diskussionen ziellos in genau diesem Kreislauf bewegen. Erstaunlicherweise habe ich dann eine interessante Lösung in einer Folge der Fernsehserie NCIS gesehen. Dr. Mallard, der Pathologe des Teams, schließt seine Ausbildung zum forensischen Psychologen ab (was auch immer das sein soll, ich glaube, so eine Art Totenprofiler). In Vorbereitung auf die Prüfung lässt er sich von seinem Assistenten abfragen und wird von ihm nach dem Unterschied zwischen Moral und Ethik gefragt. Dr. Mallard antwortet sinngemäß:

Der ethische Mensch weiß, was richtig und falsch ist, der moralische Mensch handelt danach.

Bestimmt gibt es dazu eine „echte“ Quelle, die ich aber leider nicht kenne. Die Erklärung selbst leuchtet mir dennoch ein. Und dass führt mich dazu, dass wir in all diesen Diskussionen, Beiträgen, Zeitungsartikeln etc. über Spekulanten, Straftäter, Bankrotteure aus dem öffentlichen Bereich, nie den ethischen Menschen suchen, sondern immer den moralischen. Wir fordern das moralische Handeln vom öffentlichen Menschen in vollem Umfang und bedingungslos. Weil wir damit die Messlatte so hoch legen, ist die Fallhöhe dieser Menschen auch so tief. Ihr Fehltritt grenzt an ein Sakrileg. Sie sind die Sinnbilder einer guten und ehrlichen Welt, Zeugen für die Anständigkeit des Menschen und unserer Gesellschaftsordnung. Ihr Fehltritt ist der Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies! Und gleichzeitig kommen sie damit auf unserer Niveau runter, zu uns, die wir eben nicht makellos sind, zu uns ethischen und leider nicht moralischen Menschen, die zwar wissen, was gut und richtig ist, sich aber eben nicht immer daran halten.

Shakespeares Königsdramen

Je mehr ich tagtäglich die Berichterstattungen zu vermeintlichen und erwiesenen Straftätern betrachte, gewinne ich den Eindruck, dass es oft nicht um die echte und gerechte Empörung über einen erkannten Missetäter und sein Fehlverhalten geht, sondern der Ablauf einem präzise choreographierten Drama entspricht. Jan Kott hat in seinem Buch Shakespeare Heute dargelegt, dass Shakespeares sog. Königsdramen einem ziemlich klaren Schema folgen, das er den großen Mechanismus nennt.
Der sog. große Mechanismus nach Jan Kott (Shakespeare heute)
Stark vereinfacht beinhaltet dieser, dass anfangs ein machtzerfressener, böser Monarch herrscht, gegen den ein gerechter Held aufbegehrt. Im Verlauf des Dramas wird dieser Held dekoriert und der schlechte König entlarvt, bis dann der Held seinen Platz einnimmt und nunmehr (vielleicht) erkennt, dass er jetzt die Rolle des Herrschers eingenommen hat, der in Zukunft von einem jungen Helden gestürzt wird. (siehe Kott, Jan; Shakespeare heute; Fulda 1989, ab S. 15 – Die Könige)
Ähnlich kommt mir der Ablauf der Mediendramen vor. Der (noch unbekannte) öffentliche Mensch tritt ins Rampenlicht und erweckt die Erwartungen der Menschen daran, endlich wieder einen ehrlichen Kämpfer für die gerechte Sache vor sich zu haben. Durch seine Worten und Taten befriedigt der Held dieses Bedürfnis und tritt in den Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Kleinere und größere Erfolge sind ihm sicher. Das Ziel erreicht (oder das Ziel vor Augen) verliert er den Nimbus der Unantastbarkeit und seine kleineren und größeren Sünden werden bekannt und öffentlich gemacht. Jetzt beginnt der Fall. Mit den Worten von Jan Kott:

Jetzt fürchtet er sich wirklich. Zuvor hat er die Rollen bestimmt und stand über den anderen. Jetzt ist er nur noch er selbst: ein Mensch, dem man nach dem Leben trachtet. […] Er lacht nicht mehr. Er ist ein plumper, ungestalter Zwerg. Gleich wird er wie eine Sau abgestochen werden. Vom Kopf wird man die Krone reißen. Von Frieden wird jetzt ein neuer, jugendlicher König sprechen.

(Kott, Jan, a.a.O. S. 71).

Schuld und Sühne?

Worauf ich letztlich hinaus will, ist zu fragen, ob wir nicht selbst Mitschuld tragen am Fall unserer Helden? Wir denken sie uns wie Sterne ans Firmament. Sie sind unerreichbar, weil sie keine Fehler haben (dürfen). Dabei wissen wir doch von uns selbst, dass es so nicht ist. Nahezu jeder hat graue bis schwarze Flecken auf seiner eigenen weißen Weste, teilweise sind sie uns selbst so schmerzhaft, dass sie blinde Flecken werden. Mit welchem Recht können wir dann die Messlatte bei anderen derart hoch legen, dass sie notwendig scheitern müssen?
Und verstellen wir uns damit nicht den Blick auf das Wesentliche? Ein unantastbarer Held scheitert in dem Moment in dem er antastbar wird. Es gibt nur schwarz und weiß. Wäre es nicht sinnvoller, tatsächlich von den Grautönen auszugehen, die Schattierung zu betrachten und sich dann ehrlich zu fragen, ob die wahrgenommene Schattierung noch eher zu weiß oder schon zu schwarz gehört? Wären unsere Urteile über Verantwortungsträger dann nicht differenzierter und damit vielleicht auch ehrlicher?

Eine hobby-philosophische Betrachtung von I. Jeßulat

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